Merkblatt für Schwangeren mit Anämie
Anämie in der Schwangerschaft: Symptome
Anämie, auch Blutarmut genannt, ist ein Mangel an funktionstüchtigem roten Blutfarbstoff (Hämoglobin) oder roten Blutkörperchen (Erythrozyten). Dies führt zu einer verminderten Sauerstoffversorgung des Körpers, die sich typischerweise durch Müdigkeit, Blässe, Leistungsschwäche und Atemnot äußert. Es können auch Schwindel, Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen auftreten. Auch Herzrasen oder Palpitationen können Symptome einer Anämie sein.
Klingt bekannt, oder?
Es ist fast eine Beschreibung einer Schwangerschaft.
Wei häufig ist eine Anämie in der Schwangerschaft?
Tatsächlich ist fast jede fünfte Schwangere in Deutschland von Anämie betroffen. Betrachtet man den Eisenmangel, ist fast jede zweite Schwangere im Laufe der Schwangerschaft davon betroffen.
Die höchste Rate an Eisenmangel wird im dritten Trimester erreicht, also ab der 28. Woche, wenn das Baby am meisten Eisen benötigt, um seine eigenen roten Blutkörperchen (Erythrozyten) zu bilden.
Mediziner sprechen in der Schwangerschaft von einer Anämie, wenn der Hämoglobinwert (Hb) unter 11 g/dl fällt.
Hierbei stoßen wir auf ein interessantes Phänomen:
Der normale Hämoglobinwert bei Männern liegt zwischen 14 und 18 g/dl. Die Anämie-Grenze liegt bei 13 g/dl.
Bei Frauen liegt ein normaler Hämoglobinwert zwischen 12 und 16 g/dl und die Anämie-Grenze ist ab 11 g/dl.
Wir sollen natürlich "gendern", aber nicht bei Hämoglobin-Wert, oder?
Brauchen Frauen weniger Hämoglobin als Männer? Sind Frauen andere „Menschen”? Dieses Thema werden wir gerne in einem anderen Blog besprechen. Ein bisschen Spannung aufbauen, oder?
Anämie erhöht das Risiko für die Komplikationen in der Schwangerschaft und bei der Geburt
Anämie muss unbedingt behandelt werden.
Denn Anämie ist ein unabhängiger Risikofaktor für einige Komplikationen während der Geburt.
„Unabhängig” bedeutet in diesem Fall, dass das Risiko auch dann bestehen bleibt, wenn andere Faktoren wie das Alter der Mutter, Begleiterkrankungen oder der sozioökonomische Status herausgerechnet werden.
- Das Risiko für eine Frühgeburt ist bei anämischen Frauen signifikant erhöht.
- Niedriges Geburtsgewicht (LBW): Anämie korreliert stark mit einem Geburtsgewicht von unter 2.500 Gramm.
- Postpartale Hämorrhagie (PPH): Das Risiko für schwere Blutungen nach der Geburt ist bei bestehender Anämie deutlich höher, da der Körper weniger Reserven hat und sich die Gebärmutter schlechter zusammenziehen kann.
- Präeklampsie und Schwangerschaftshochdruck: Es besteht ein nachgewiesener Zusammenhang zwischen niedrigen Hämoglobinwerten und einem erhöhten Risiko für Blutdruckerkrankungen in der Schwangerschaft.
- Vorzeitiger Blasensprung (PROM): Anämie erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Fruchtblase vorzeitig platzt.
- Intrauterine Wachstumsverzögerung (IUGR): Eine mangelnde Sauerstoffversorgung kann dazu führen, dass das Baby im Mutterleib sein Wachstumspotenzial nicht voll ausschöpfen kann.
- Infektionsanfälligkeit: Eine Anämie schwächt das Immunsystem der Mutter, was das Risiko für Infektionen während und nach der Schwangerschaft steigert.
- Erhöhte Kaiserschnittrtae: Statistisch gesehen müssen Geburten bei anämischen Müttern häufiger operativ beendet werden.
Zusätzliche Risiken der Anämie bei Kaiserschnitt
Und falls Sie einen Kaiserschnitt bekommen sollten, dann kommen noch einige andere Risiken hinzu (Wundheilungsstörungen, längerer Krankenhausaufenthalt, erhöhtes Infektionsrisiko etc.)
Ach du liebes Bisschen! Es sind doch eine ganze Menge an Komplikationen!
Deswegen muss eine Anämie während der Schwangerschaft unbedingt behandelt werden.
Wie wird Anämie behandelt?
Normalerweise bekommen Menschen Eisentabletten oder -kapseln. Diese sollen sie über einen Zeitraum von mehreren Monaten einnehmen.
Dabei treten zwei Probleme auf:
1) Eisenpräparate haben einige Nebenwirkungen wie Magenschmerzen, Sodbrennen, Übelkeit, Verstopfung oder Durchfall. Möchten wir einer schwangeren Frau, die eventuell bereits unter all diesen Beschwerden leidet, das Leben noch schwerer machen? Eher nicht.
2) Schwangere Frauen haben nur eine begrenzte Zeit, um die Eisentabletten zu schlucken, nämlich bis zur Geburt. Das können nur wenige Wochen oder Monate sein. Oft reicht diese Zeit nicht aus, um den Hämoglobinwert auf die notwendige Höhe zu steigern.
Es gibt jedoch eine perfekte Lösung für diese beiden Probleme.
Eine Eiseninfusion intravenös!
In den meisten Fällen genügen zwei Infusionen, um den Eisenwert ausreichend zu erhöhen und somit die Produktion von mehr Erythrozyten im Körper anzuregen.
Eiseninfusionen können nur von Ärzten verschrieben werden. Für die Verabreichung ist ein intravenöser Zugang erforderlich. Eine Infusion dauert ungefähr 30 Minuten.
Also, dann keine Tabletten nehmen, keinen schwarzen Stuhl, keine Bauchschmerzen oder Verstopfung.
Ihr Hämoglobinwert ist bis zur Geburt ausreichend angehoben und alle fürchterlichen Risiken haben mit Ihnen nichts zu tun.
Und hier liegt leider ein Hund begraben.
Eiseninfusion bei einem niedergelassenen Arzt
Ihr niedergelassener Gynäkologe oder Hausarzt wird Ihnen diese äußerst wichtige Infusion nicht verabreichen. Für Kassenpatienten werden die Kosten nicht übernommen.
Die gesamte, eine halbe Stunde dauernde Prozedur kostet zwischen 120 und 200 Euro. Wenn Ihr Arzt es doch macht (weil er ein guter Arzt ist und versteht, dass es notwendig ist), dann wird die Kasse die Kosten nicht übernehmen und er kann sogar zum Regress gezwungen werden, d. h., er muss die Kosten aus eigener Tasche bezahlen.
Sind wir in einer Sackgasse? Nein!
Eiseninfusion im Krankenhaus
In unserer Abteilung für Geburtshilfe und Perinatalmedizin verabreichen wir Ihnen sehr gerne solche Eiseninfusionen mit modernen Eisenpräparaten!
Wenn wir es „so wie in einer Praxis“ machen, also Sie kommen zu uns, bekommen Ihre Infusion und gehen nach Hause, sind zwei Varianten möglich.
Ihre Kasse wird es uns bezahlen, aber nur mit 50 Euro. Das deckt die Kosten für das Präparat und unsere Arbeit bei Weitem nicht.
Manche Kassen werden es gar nicht bezahlen und sogar eine Strafe für uns anordnen, weil wir diese Behandlung ambulant nicht durchführen dürfen.
Eine weitere Möglichkeit wäre, Sie bei uns stationär aufzunehmen. Sie würden eine Nacht bei uns bleiben, am Nachmittag eine Infusion bekommen und am nächsten Tag eine weitere Eiseninfusion, bevor Sie glücklich nach Hause gehen.
Dies dürfen wir aber nur machen, wenn Sie eine solche stationäre Überwachung für 24 Stunden wirklich benötigen, zum Beispiel, wenn Sie in der Vergangenheit bereits allergisch auf Eisenpräparate reagiert haben.
Unverträglichkeit ist sehr wichtig
Deshalb bitten wir Sie höflich, vergessen Sie nicht, uns mitzuteilen, dass bei der letzten Eisengabe Ihre Lippen geschwollen sind und Sie ein leichtes Kratzen im Hals empfunden haben. Es ist doch nicht schwer, so etwas zu sagen, oder?
Dann sind wir alle glücklich: Sie haben Ihr Eisenpräparat bekommen und wir müssen keine Strafe zahlen, weil wir eine notwendige und optimale Behandlung durchgeführt haben.
Sie können uns jederzeit telefonisch bei allen Fragen erreichen.
Wir verbleiben mit besten Wünschen für Sie und Ihr Kind,
Ihr freundliches und erfolgsorientiertes Team der Geburtshilfe und Perinatalmedizin
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