Über Wänden und Farben

 Ich wünsche all meinen Leserinnen und Lesern ruhige und besinnliche Feiertage.

„Spieglein, Spieglein an der Wand,

welcher Kreißsaal ist der schönste im ganzen Land?“

Modifiziert nach „Schneewittchen“ der Brüder Grimm.

„Tod nach Zwillingsgeburt“ – Artikel in „Der Spiegel“

Meine Schwiegermutter, die übrigens von Beruf Lehrerin ist, hat meine Aufmerksamkeit auf einen Artikel aus dem „Spiegel“-Magazin gelenkt:
Filderklinik – Prozess gegen Klinikärzte: Tod nach der Zwillingsgeburt - DER SPIEGEL
Es ist ein herzzerreißender Artikel über eine junge Frau, die bei der Geburt durch eine peripartale Blutung verstorben ist. Eine wahre Geschichte. Hier bei uns, in Deutschland. Heutzutage.
Dieser Artikel hat mich zutiefst erschüttert. Er hat mir viele Gedanken beschert.
Zunächst schien es mir, als würden meine Gedanken auf zwei ganz verschiedenen und nicht miteinander verbundenen Pfaden wandern. Später merkte ich, dass es eigentlich um ein und denselben Gedanken geht.

Wie sieht Ihr Kreißsaal aus?

Ein Satz aus dem Artikel hat mich sehr verwundert.
„Warme Farbtöne begrüßen die Besucher des Krankenhauses, mal rosa, mal orange.“ Warum sollte mich die Farbgestaltung im Kreißsaal interessieren?
Gerade letzte Woche hatten wir unseren monatlichen Infoabend für werdende Eltern.
Das Auditorium war nicht so ganz voll, was auch verständlich ist: Es ist Adventszeit und alle haben viel zu tun und keine Zeit für Infoabende über den Kreißsaal.
Aber egal, wie viele werdende Eltern kommen, wird immer die Frage gestellt: „Können wir Ihren Kreißsaal sehen?” "Können wir ihn besuchen?"
Ehrlich gesagt, konnte ich diese Frage nie verstehen. Welchen Unterschied macht es, ob die Wände blau, gelb, rosa oder orange gestrichen sind? Welchen Unterschied macht es, ob es die zweite Tür rechts oder die dritte Tür links ist? Ob der Kreißsaal 20 oder 26 Quadratmeter groß ist? Ob er im Erdgeschoss, im ersten Stock oder im dritten Stock liegt? Ob abstrakte Bilder oder Impressionisten an den Wänden hängen? Oder einfach Landschaftsfotos?
Niemand kommt in den Kreißsaal, um dort zu wohnen, seinen wohlverdienten Urlaub zu verbringen oder eine Party zu feiern. Frauen kommen in den Kreißsaal, um ihr Kind zu gebären, die Geburt zu überleben und gesund mit ihrem gesunden Kind nach Hause zu gehen.

Unsere Intensivstation hat Wände in warmen gelben Tönen.

Ein Teil meiner Arbeit ist es, Patienten für verschiedene Operationen anästhesiologisch vorzubereiten. Wir nennen es „Aufklärungsgespräch“. Da wir eine große Orthopädie und eine große Bauchchirurgie haben, gibt es viele Operationen, bei denen die Patienten im Anschluss einige Zeit (eine Nacht oder mehrere Tage) auf der Intensivstation verbringen müssen. Beispiele sind Leberoperationen, Bauchspeicheldrüsenoperationen, Speiseröhrentumoren, der Ausbau von künstlichen Gelenken und große Wirbelsäulenoperationen.
Während solcher Aufklärungsgespräche erzähle ich meinen Patientinnen und Patienten ganz genau, wie die Abläufe sind, was nach der Operation passiert, dass sie nach dem Aufwachen auf der Intensivstation sind, welche Schmerztherapie sie bekommen und welche Katheter und Schläuche vor-, während und manchmal nach der Operation gelegt werden müssen.
Glauben Sie, hat mich in 25 Jahren meiner Arbeitskarriere ein Patient gefragt, welche Farbe die Wände auf der Intensivstation haben? Ob wir Bilder haben (ja, wir haben Bilder, und sie sind ganz nett und bunt, und unsere Wände sind in warmen gelben Tönen)?
Nicht ein Mal!
Die Menschen fragen, wann die Besucherzeiten sind, was sie mitbringen sollen und wie schnell sie wieder laufen können.
Das sind alles sehr gute und wichtige Fragen. Und ich beantworte sie sehr gerne und nehme mir während der Aufklärungsgespräche Zeit für all diese Details.
Aber die Wände? Die Farben? Der Grundriss? Könnte die Intensivstation im Vorfeld besichtigt werden?

Zertifizierung von Hebammen-Kreißsaal

Vor ein paar Wochen wurde unser Hebammen-Kreißsaal (HKS) zertifiziert. Das ist eine sehr coole Entwicklung, die ich sehr begrüße. Es ist eine Möglichkeit für Paare, ihr Kind ohne Ärzte, nur mit Hebammen zu bekommen. Natürlich ist dies nur bei einer absolut komplikationsfreien Schwangerschaft und einer zu erwartenden unkomplizierten Geburt möglich. Die Frau wird von einer Hebamme eins zu eins betreut und zur Geburt kommt eine zweite Hebamme hinzu. Eine sehr gute Sache.
Die Zertifizierung dafür war ein sehr ernstes Unterfangen. Wir alle – Geburtshelfer, Kinderärzte, Hebammen und Anästhesisten – mussten uns sehr gut vorbereiten. Wir haben Handbücher gelesen, den Kriterienkatalog studiert und Veranstaltungen besucht.

Und dann kam der Tag der Zertifizierung.
Mit jedem Bereichsleiter wurde ein langes Gespräch geführt. Ein Team aus drei Personen kam, um uns zu zertifizieren.
Ich hatte erwartet, dass Hebammen und eventuell Geburtshelfer aus der anderen Klinik kommen und die Zertifizierung durchführen.
Wie groß war meine Überraschung, als ich feststellte, dass das Team aus Rechtsanwälten und Juristen bestand! Sie kamen von der Firma, die unser Krankenhaus versichert. Die im Schadensfall die Schadensersatzzahlungen und Zahlungen an Hinterbliebene leisten muss.
Wow! Ich habe echt gezittert. 45 Minuten lang wurde ich befragt. Es war härter als viele Prüfungen, die ich in meinem Leben abgelegt habe.
Ratet, was die Juristinnen gefragt haben!
Wände und Farben? Oder die Anzahl der Bilder und Bäder pro Frau? Ob eine Musikanlage vorhanden ist? Ob wir ätherische Öle benutzen?

Notfallpläne und Alarmierungskaskade

Nein! Die Juristinnen haben gefragt, ob wir Notfallpläne haben. Wie wird bei Komplikationen das Team alarmiert? Wer kommt dazu? Was passiert, wenn die Telefonanlage nicht funktioniert? Wer löst einen Notfallalarm aus? Wie häufig trainieren wir die Notfälle? Wie häufig trainieren wir die interdisziplinäre Arbeit bei Notfällen? Es sind wichtige Fragen!

Die Antworten auf diese Fragen entscheiden darüber, ob bei uns eine solche Fahrlässigkeit wie im Spiegel-Artikel beschrieben passieren könnte, bei der eine gesunde Frau bei einer Zwillingsgeburt verstirbt.
Wir haben die Zertifizierung, wie uns gesagt wurde, gut bestanden. Sogar sehr gut. Aus dem Fragenkatalog, den ich als Leitung der geburtshilflichen Anästhesie beantworten musste, waren alle Antworten im richtigen Bereich.
Diese Fragen sollten werdende Eltern beim Infoabend stellen. Diese Fragen sind wichtig und entscheidend.
Ich führe auch viele Aufklärungsgespräche im Kreißsaal. Dafür haben wir vor einem Jahr sogar eine spezielle Sprechstunde etabliert: für die Anlage von PDAs, für Kaiserschnitte und für alle, die mit einem Anästhesisten sprechen möchten.
Bisher hat mich keine einzige Patientin mit solchen Fragen gelöchert wie die Rechtsanwältin bei der Zertifizierung.

Die meisten Fragen, die ich bekomme, sind: „Spieglein, Spieglein an der Wand, welcher Kreißsaal ist der schönste im ganzen Land?”

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